9. Orangenland-Reise

Inzwischen war vor unserem Haus eine große Baustelle entstanden. Menschen hatten mit ganz großen Maschinen, die laut Onkel Ari alle Bagger hießen, den ganzen Weg aufgerissen, Rohre vergraben und neue Steine aufgestellt. Jeden Tag gab es Lärm und was zu Bellen. Im Nachbargarten spritzte der Bauer seine Orangenbäume mit einem übelriechenden Zeug, und somit wurde es höchste Zeit mal wieder auf Reisen zu gehen. Schließlich erzählte uns Tante Kyra, dass Chefin und Boss eine Reise durch das Orangenland machen wollten.

Eigentlich reiste ich ja gerne, aber wenn's mir wieder schlecht werden würde, was dann? Doch vorneweg gesagt, mir wurde es auf der Reise nicht einmal richtig schlecht, nur so ein ganz klein bisschen. Wir fuhren also von zuhause los, zur Autobahn nach Süden. Dort ging's auf immer schlechter werdenden Straßen in eine ganz trockene Landschaft.

Wir hatten nicht mehr unsere Hütte dabei, sondern durften inzwischen mit den Großen im Bus schlafen. Meist schlief ich mit der schnarchenden Tante Kyra vorne auf den Sitzen. Lara und Onkel Ari schliefen hinten im Bus, unter dem Bett von Chefin und dem manchmal auch schnarchenden Boss. Natürlich war alles etwas eng und unbequem, vor allem morgens, wenn Lara und ich schon so richtig wach waren, während die großen Hunde und die Menschen noch im Halbschlaf herumlümmelten. Ich verstehe überhaupt nicht, warum die morgens immer so lahmarschig sind, vor allem warum Onkel Ari und Tante Kyra sich den Menschen so angepasst haben. Morgens könnte ich Bäume ausreißen, und auch Lara ist um diese Zeit immer topfit. Da wir jedoch nicht einfach die Tür vom Bus aufmachen können um zum Toben raus zu gehen, blieb uns gar nichts anderes übrig, als den Großen solange auf den Geist zu gehen, bis sie uns rausließen. Ich hab da zum Glück so einen Trick gefunden, mit dem es fast immer klappt, dass sie mich rauslassen: Weil ich den Ruf habe, eine Kotzerin zu sein, das wisst ihr ja schon (und manchmal ist es ganz gut einen Ruf zu haben!), brauche ich morgens bloß ein paar Mal heftig zu würgen und schon springen Chefin oder Boss aus ihrem morgendlichen Tiefschlaf oder was sie auch immer da machen auf und lassen mich raus. Lara dagegen macht's mit der Masche „Ich muss so arg dringend aufs Klo“. Sie hat sich dafür schon vor einer Weile eine spezielle Melodie ausgedacht, die sie immer dann gejaulte, wenn sie aufs Klo musste. Jetzt braucht sie nur noch die Melodie zu jaulen, und schon wird auch ihr die Tür geöffnet. Das nennt man positive Konditionierung. Anfangs, so in der Erziehungsphase unserer Menschen hab ich tatsächlich mal so ein bisschen was rausgewürgt und Lara hat ein ganz klein bisschen auf den Boden gepinkelt. Das hatte bereits gesessen. Seither kommen die Menschen mit unserem morgendlichen Rausgehritual schon einigermaßen klar.

Steffi und die Hunde
Irgendwo in der Macchia

Nun, wir fuhren also durch die Landschaft Orangenlandes und waren alles andere als begeistert, so dass wir am liebsten die Zeit im Bus verschlafen hätten. Lauter Felsen, trockenes Buschwerk mit vielen Dornen, alte Häuser, die wie Türme aussahen und neue Häuser, die den alten nachgebaut waren. Der Einzige, dem das so einigermaßen gefiel, war Onkel Ari, denn der konnte an so viele Ecken pinkeln, dass er zwischendurch sagte, hier sei das Pinkelparadies für Hunde. Dabei fiel mir auf, dass auch Tante Kyra bisweilen wie ein Hundemann pinkelte und an allen möglichen und unmöglichen Stellen das Bein hob. Ich dachte immer, Damen und Mädchen setzen sich hin zum Pinkeln. Jedenfalls hab ich's auch mal so mit Beinheben probiert, da hab ich mir aber das andere Bein total angeschifft, und seither setz ich mich lieber wieder hin. Also uns hat die Mani insgesamt nicht so sehr gefallen, weil auch noch dazu kam, dass man nur an wenigen Stellen richtig ans Meer konnte, da die Küste entweder zu steil ist, oder die wenigen zugänglichen Buchten bereits zugebaut sind, und das meist von privat. Darum haben wir uns die Mani hauptsächlich aus dem Auto raus angeschaut und sind an der Westküste gleich wieder nach Norden gefahren.

Chefin und Boss schauten sich eine richtige Wasserhöhle an. Wir durften allerdings nicht mit hinein, da man dort angeblich mit kleinen Booten reinfuhr und Hunde wie wir nicht bootsfest seien. Wir haben es uns deshalb vom Boss erzählen lassen, das heißt, er hat's wie immer Kyra erzählt, und die uns. Und die digitalen Fotos im Computer haben wir uns auch angesehen. Schließlich haben wir aber einen tollen Platz gefunden, der auch hundegeeignet war: Eine riesige Lagune, kristallblau, in der man Baden konnte. Wir machten einen ganz langen Spaziergang hinauf zu einer anderen Höhle. Weil es so heiß war und so weit, blieb Tante Kyra mal wieder freiwillig im Bus zurück. Es machte ihr angeblich gar nichts aus, sagte sie, als wir von unserer langen Wanderung zurückkamen. Da hätte sie wenigstens mal richtig ungestört schlafen können. Trotzdem hat sie ein wenig neidisch geschaut, als wir ihr von unserem Abenteuer in der großen Höhle erzählten. Zuerst mussten wir mal einen langen Weg bergauf wandern. Da gab's viele Spinnen, so dass die Chefin fast verrückt wurde und angefangen hat, ganz komisch zu laufen, so in einer Art Mittelstil zwischen Frosch und Känguru. Dazwischen hat sie immer wieder mal einen Kreischer rausgelassen, aber in Ohnmacht gefallen ist sie nicht. Dann in der Höhle, umwerfend, sag ich euch! Eine riesige dunkle Grotte, in die man einfach so hineingehen konnte, und von der aus man einen phantastischen Blick aufs Meer hat. Und ich kann euch schwören, wir haben in dieser Grotte den Geist einer jener Ziegen gesehen, die einst Hermes dem Apollon gestohlen und in dieser Grotte abgeschlachtet hatte.

Die Chefin in der Wasserhöhle
Die Chefin in der Wasserhöhle
Ziegengeist in einer Grotte
Ziegengeist in einer Grotte

Am besten gefallen hat mir jedoch der Rückweg. Da durften wir ein Sanddüne runter sausen, dass es nur noch so staubte, und das gleich mehrmals, weil die Chefin unbedingt Fotos von dem Staub machen wollte. Schade, dass wir an diesem Platz nicht übernachtet haben, aber der Boss hat Moskitos entdeckt. Die kann er absolut nicht leiden, und leider gab's die dort in Massen. Er muss wohl in der Kindheit ein Moskitotrauma erlebt haben, denn sowie er auch nur einen Moskito sieht oder hört – und auf dieser Frequenz hört er erstaunlich gut – springt er auf und nimmt einen gnadenlosen Vernichtungskampf gegen die winzige Stechmücke auf. Also, wenn mich Moskitos pieksen, ich merk das gar nicht einmal. Und ich hab die anderen gefragt, die merken es auch nicht. Unser Boss scheint da super sensibel zu sein. Jedenfalls haben wir an diesem wunderschönen Platz nicht übernachtet. Ich bin mir sicher, wir hätten dort noch viel Spaß haben können, zumal dort auch noch andere Menschen waren, die versuchten, uns ein paar Leckereien zukommen zu lassen, was allerdings der Chefin nicht so gefiel. Wir sind noch eine ganze Weile gefahren, dann fanden Chefin und Boss einen Platz, an dem es möglicherweise keine Moskitos gab. Er war auch nicht schlecht der Platz, auch direkt am Meer, aber längst kein so schöner Sandstrand, eher ein grober, dreckiger Sand. Warum der Boss diesen Sand lieber mag, weiß ich nicht. Wahrscheinlich sieht dieser Sand im Bus besser aus als der feine gelbe. Wir waren kaum angekommen, da fing der Boss auch schon mit dem Kochen an, und bald schon zog uns ein Gulaschduft in die Nase. Die Chefin machte mit Onkel Ari, Lara und mir einen Spaziergang, bei dem wir an ein ganz merkwürdiges Feld kamen, das uns nicht ganz geheuer war. Zwischen grünen, teils auch schon welken Blättern lagen überall riesige, grünliche Monsterköpfe herum. Einige sahen so aus, als würden sie uns dauernd anschauen, und Lara und ich bekamen es mit der Angst zu tun und verbellten die Köpfe sicherheitshalber. Doch unsere mutige Chefin ging einfach hin, packte so einen Monsterkopf, drehte in ein paar Mal hin und her und hatte ihn damit auch schon in der Hand. Es muss ein ganz schön schweres Exemplar gewesen sein, denn die Chefin schnaufte ziemlich, als sie den Kopf zum Bus schleppte, um ihn dem Boss zu zeigen. Da hab ich gleich nochmals einen riesigen Schrecken gekriegt, denn der Boss nahm ein großes Messer und schlachtete das Monster ab. Lara und ich haben genau das Blut und das rote Fleisch gesehen. Und dann haben sie das Monster laut schmatzend aufgegessen. Tante Kyra lag die ganze Zeit unter dem Auto und hat nichts von alledem bemerkt, aber als sie das Monster mit dem Messer bearbeiteten, hab ich sie schnell gerufen. Da hat die Tante Kyra so gelacht, dass ihr die Tränen herunter liefen. „Das ist doch kein Monster“, hat sie gesagt. „Das ist eine Melone, genauer eine Wassermelone. Die Menschen essen die oft, obwohl sie fast nur nach süßlichem Wasser schmecken. Und man kann sie auch bei uns zuhause auf dem Markt kaufen“.

„Aha, Wassermelonen abschlachten, das können sie also diese Menschen“, dachte ich mir. Nach dem abendlichen Herumtollen am Strand, der mir inzwischen eigentlich ganz gut gefiel, vor allem nach dem wir noch eine ganze Menge der Monsterfelder gefunden hatten, schliefen wir wieder alle zusammen im Bus.

in den Sanddünen
in den Sanddünen

Unser Weg führte durch endlos weite Felder nach Norden, eine richtig langweilige Landschaft. Interessant wurde es erst, als wir eine gewaltige Burg ansteuerten, an deren Außenmauern viele Katzen herumsprangen. Auch ein Esel war da, den die Chefin stundenlang fotografierte. In die Burg durften wir nicht, aber es reichte uns schon, sie von außen zu sehen. Ich weiß nicht, was die Menschen an diesen alten Mauern so irre finden, vor allen, wenn sie nicht wirklich uralt sind.

Gott sei dank, fuhren wir am Nachmittag wieder ans Meer, wo wir wieder richtig herumspringen konnten. Da gab's sogar zwei Hunde, die sich uns in etwa so vorstellten: „Wuff, ich bin der schreckliche Antonio von der Pinienbucht“. „Und ich bin der gefährliche Dimos von der gleichen Bucht“. Mir war gleich klar, dass die beiden einen an der Waffel haben mussten, vor allem, weil sie ganz und gar nicht schrecklich oder gefährlich aussahen sondern allein beim Anblick von unserer schwarzen Tante Kyra bereits auf den Rücken fielen und sich die Augen zuhielten. Darum haben wir uns auch kaum um die beiden Irren gekümmert, sondern sind zum Baden ins Meer gesprungen, haben uns von den Wellen hin und her werfen lassen und dann einen weiten Spaziergang gemacht. Am Abend gab's Spaghetti.

Steffi und die Hunde am Meer
Endlich wieder am Meer

Die nächste Etappe führte uns in die antike Kultur zurück. Obwohl wir wie so oft, wenn es um Kultur ging – die uns ja bestimmt auch gut tun würde (auch wenn wir nicht so genau wissen, was Kultur eigentlich ist) – im Bus bleiben mussten, während Chefin und Boss zwischen Ruinen und Touristen herumstreiften, haben wir uns ganz gut amüsiert. Wir standen auf einem von großen Bäumen beschatteten Parkplatz, um uns viel Autos und Omnibusse, aus denen Scharen von historisch begabten Touristen entströmten. Die Chefin hatte das hintere Fenster vom Bus einen Spalt offen gelassen, ansonsten die Jalousien zugezogen, damit es nicht zu warm würde im Bus. Außerdem blies der Ventilator dauernd frische Luft herein. Im Bus war es also ziemlich dunkel, als draußen ein Omnibus mit merkwürdigen Menschen ankam. Alle waren klein, und alle hatten ganz schmale Augen. Kyra sagte uns, das seien Menschen aus China, dem Land, von wo ihre Rasse herstamme, und wir drängelten uns an dem schmalen Fensterspalt um diese Menschen zu bestaunen. Da kam einer von denen ganz dicht an die Fensterscheibe heran, konnte aber, weil es innen dunkel war, nur so ein bisschen was sehen. Ihr hättet mal sehen sollen, wie dieser Chinesenmensch da erschrocken ist, als Tante Kyra plötzlich die Zähne fletschte und ganz böse knurrte. Er hat vor lauter Schreck einen so großen Satz nach hinten gemacht, dass er rückwärts mit einem Baum zusammengestoßen ist. Dann ist er ganz schnell zu den anderen Chinesenmenschen gelaufen und hat immer wieder angsterfüllt zu unserem Bus zurückgeschaut. Was der wohl gedacht hat? Der hat sicher gedacht, das ist der Bus der schrecklichen Vier, sofern er uns alle vier überhaupt wahrgenommen hat in seinem Schrecken.

Allmählich hatten wir wieder genug vom Herumreisen. Lara maulte immer öfter, dass es ihr langweilig sei. Ich hab mich nicht beschwert, weil ich froh war, dass ich trotz der holperigen Straßen und vielen Kurven noch immer nicht gekotzt hatte. Tante Kyra lag aber auch mehr gelangweilt und genervt als unternehmungsfreudig an ihrem Fensterplatz, und Onkel Ari wusste nicht mehr, wo er sitzen sollte und sprang mal hinunter auf den Boden, dann wieder auf den Sitz, dann wieder zu uns hoch auf unser Bett. „Es geht wieder heimwärts“, sagte plötzlich Tante Kyra. „Ich erkenne die Strecke am Geruch, da war ich schon mal. In spätestens einer Stunde werden wir zuhause sein“. Es stimmte, nach einer Stunde waren wir zuhause, und ich muss sagen, alle Achtung vor Tante Kyras Wissen und Lebenserfahrung. Von der haben wir schon ganz schön viel gelernt. Natürlich auch von Onkel Ari, der ganz betrübt war, als ich mich zunächst nur bei Tante Kyra für die schöne Fahrt bedankte. Also, reisen macht schon Spaß, aber nach Hause kommen, macht noch mehr Spaß. Darum jagten wir jetzt wie die Irren durch den Garten, warfen die kleinen, vertrockneten Orangen in die Luft, die wir unter den Bäumen fanden und zerbissen auch gleich mal wieder ein paar von den vom Boss so geliebten Wassersprengern, womit wir uns prompt wieder Ärger einhandelten.

Die Tage vergingen wie im Flug. Inzwischen war es richtig heiß, wir fuhren fast täglich ans Meer um zu Baden. Chefin und Boss hatten ein schönes Plätzchen ausgekundschaftet, vom dem aus man gut ins Wasser konnte. Lara und ich, wir waren zwei prächtige Schwimmerinnen geworden, und es machte uns auch nichts mehr aus, von den Felsen ins Wasser zu springen. Meistens sind wir mit dem Smart, unserem kleinen schwarzen Auto ans Meer gefahren. Kyra sagte immer, sie komme sich vor wie bei den Italienern, bei denen in einem Fiat 500 auch immer wenigstens 6 Personen saßen. Einmal hat der Boss den Smart-Schlüssel versehentlich in seiner Badehosentasche vergessen und mit ins Wasser genommen. Da konnte die Chefin anschließend den Smart nicht mehr starten, weil der Zweitschlüssel zuhause geblieben war. Auweia, das war eine schöne Kacke. Schließlich fuhr die Chefin mit so einem Typ auf dem Motorrad davon um den Zweitschlüssel zu holen, und wir mussten mit dem Boss eine Stunde lang in der Sonne schmoren. Onkel Ari war ziemlich beunruhigt, weil er ja nicht sicher sein konnte, ob die Chefin überhaupt wieder zurückkäme. Sicher hat er gedacht, sie wäre mit dem Motorradtypen durchgebrannt und würde uns fünf hier alleine sitzen lassen. Als sie schließlich wieder kam, war er ganz happy und wir auch. Wir waren vor allem richtig froh, wieder nach Hause fahren zu können.

Die Straße vor unserem Haus war inzwischen komplett aufgerissen worden, und die vielen Baumaschinen nervten ständig. Außerdem fingen die Bauarbeiter an, uns zu ärgern, indem sie immer Buh machten, wenn sie am Tor vorbei gingen. Der Zugang zu unseren Hof war inzwischen vom Bagger weggegraben worden. Wir mussten über schmale Bretter und Stege balancieren, was einerseits ganz lustig war, andererseits, wenn es mal regnete – und es hat viel geregnet diesen Sommer – ständig dazu führte, dass man ausrutschte und dreckige Pfoten bekam, und wir waren ja so saubere Hunde. Zumindest hab ich mich nie im Dreck gewälzt. Also einmal gingen wir morgens raus zum Spazieren, balancierten wieder vorsichtig über die neuen Randsteine der Straße und an den lehmigen Pfützen vorbei, da sahen wir unseren Smart vor der Neubausiedlung stehen. Unseren Smart! Der hat sich doch tatsächlich nachts aus dem Garten geschlichen und dort hin gestellt. Lara ist sofort hingerannt und hat ihn ausgiebig beschnuppert. Ich hab gleich mal reingeschaut. Es hätte ja sein können, dass es ein ganz anderer Smart ist. Aber es war unserer. Ich nahm mir vor, fortan ein bisschen besser auf ihn aufzupassen, und wenn er wieder abhauen sollte, würden wir ihn sofort zurücktragen.