7.Kyras Geschichte

„Also, wenn ich ganz vorn vorne anfangen soll, muss ich weit ausholen. Ich bin in Marbach geboren, eine „Von der Schillerhöhe“, wahrscheinlich so ein verarmter Landadel. Meine Familie bestand aus lauter Chow-Chows, ich war allerdings die einzige Schwarze. Meine Mutter erzählte mir von meinem Vater, dass er damals mit einem Jaguar, das ist ein ziemlich schnelles und teures Auto, angereist war. Aber ansonsten war er wohl auch ein Ganove wie Aris Vater. Ich hab ihn jedenfalls nie kennen gelernt. Das Leben in einer Chow-Familie ist schon ein wenig anders als üblich, denn alle meine Geschwister, meine Mutter, die Tanten und Onkels waren immer irgendwie grantig. An Spielen war nie zu denken. Die Onkels und Tanten lagen meist irgendwo herum und meditierten. Das kommt daher, dass alle Chow-Chows aus China stammen, einem Land in weiter Ferne. Auch sprach man bei uns zuhause immer nur ganz leise. Nur wenn Fremde kamen, durfte laut gebellt werden, aber nur kurz. Jedenfalls kamen eines Tages der Boss und meine frühere Chefin zu Besuch. Sie unterhielten sich eine Weile mit der Oberfrau, die unserem Chow-Rudel vorstand, und einige Zeit später kamen sie wieder und nahmen mich einfach mit. Gefragt hat mich keiner ob ich wollte. Nun, im Grunde genommen war's mir egal. Ich hatte nie das Gefühl, als ob ich sehr beliebt gewesen wäre in dem Rudel, in das ich hinein geboren wurde. Die neuen Menschen fuhren mit mir in einem sehr bequemen Auto in eine andere Stadt, zu einem sehr schönen und bequemen Haus und erklärten mir, dass dies nun mein neues Zuhause sei. Außer dem Boss und meiner damaligen Chefin wohnte noch eine zweite Chefin im Haus, sie war die Mutter von der Chefin und hieß entsprechend Chefinmutter oder Oma-Chefin. Die beiden sorgten sich rührend um mich, lehrten mich ihre Sprache zu verstehen. Den Boss sah ich wenig. Er ging früh morgens aus dem Haus, kam mittags mal kurz heim und dann erst wieder spät abends.

Es war ein schönes Leben. Wir hatten einen schönen Garten, mit einem richtigen Teich. In dem wohnte Theo, ein großer Fisch, der immer aus dem Wasser herausschaute und mit mir reden wollte, doch die Fischsprache verstand ich nicht und hab's bis heute nicht gelernt. Auch gab's dort Frösche, und wenn man eine Weile ganz still war, fingen die an zu Quaken. Ich sag's euch, ein scheußliches Geräusch. In der Nachbarschaft lebten etliche Katzen, die ich schon nach ein paar Wochen alle ordentlich verprügelt hatte. Also insgesamt alles toll. Allerdings gab es auch ein paar weniger gute Dinge. Ich hatte damals viel Akne und so eine Hautkrankheit namens Neurodermitis. Ich musste deshalb fast jede Woche zum Arzt, brauchte ständig irgendwelche Medikamente. Dann kriegte ich auch noch Probleme mit meiner Hüfte und musste operiert werden“. Dabei warf Kyra einen vorwurfsvollen Seiteblick auf Onkel Ari. „Verstehst du nun, warum ich nicht immer so schnell sein kann wie du und warum ich manchmal Probleme mit dem Bergauflaufen habe?“ „Ist ja schon gut, ich hab doch immer Verständnis für dich, meine Liebe“, erwiderte Onkel Ari und Kyra fuhr fort:

„Ja, wenn man die vielen Arztbesuche und die Zeit im Hundekrankenhaus außer Acht lässt, war das wirklich eine schöne Zeit damals. Meerschweinchen hatte ich zwar keines, aber dafür Jako, den Papagei, von dem ich euch schon erzählte. Der konnte richtig sprechen mit den Menschen und verstand auch viel in meiner Sprache, so dass ich immer jemanden zum Reden hatte. Jako flog im ganzen Haus herum und suchte nach Keksen, und wenn er welche fand, dann teilte er sie immer redlich mit mir. Also das muss alles so Anno `94, `95 gewesen sein. Meine Chefin und der Boss verreisten manchmal, aber ich blieb immer zuhause, weil ich ja auf die andere Chefin, die Chefinmutter aufpassen musste, und die war schon ziemlich alt.

Dann wurde die Chefinmutter irgendwann krank, musste lange Zeit ins Krankenhaus, kam aber zum Glück wieder zurück, und es ging ihr auch tatsächlich besser. Doch ich merkte bald, so ganz wie vorher würde es wohl nimmer werden. Immer, wenn ich sie morgens in ihrer Wohnung besuchte, roch ich einen merkwürdigen, ungesunden Geruch, und ich dachte mir damals schon, lange würde sie es nicht mehr machen. Irgendwie spüren wir Hunde das. Sie hat trotzdem noch ganz schön lange gelebt, und wir haben noch viele gemeinsame Spaziergänge gemacht, meist am Ufer des Flusses, der Neckar heißt. Doch schließlich hatte ich recht, eines morgens in einem Frühjahr ist sie gestorben“.

Jako
Tante Kyra's Vogelfreund

Kyra schaute nachdenklich und traurig in die Ferne. „Wie ist denn das, wenn ein Mensch stirbt?“, fragte Lara. „Unsere Schwester Lisa ist ja auch gestorben, sie war morgens einfach ganz kalt und konnte nicht mehr aufstehen und dann war sie eines Tages ganz verschwunden“.

„Ich weiß es auch nicht so genau, was da vorgeht“, sagte Kyra. „Bei der Chefinmutter war's jedenfalls so: Sie hat uns morgens, als es noch nacht war zu sich gerufen und dann gesagt, dass sie sterben würde. Dann hat sie der Chefin und dem Boss die Hand gegeben, die Augen zugemacht und einfach aufgehört zu atmen. Ich wusste, dass sie tot war und bin dann gegangen. Die anderen sind noch eine Weile geblieben. Ich hab mich mit Jako darüber unterhalten. Der war damals schon sehr alt, aber er wusste auch nichts Genaues über das Sterben, nur dass vor meiner Zeit schon drei Hunde und eine Katze bei Chefin und Boss gewohnt hatten, die alle irgendwann gestorben waren. Na ja, die Katze hätte ich ja gerne kennen gelernt, aber ich war traurig, die Chefin auch und der Boss auch. In den nächsten Tagen kamen viele Leute auf Besuch, doch irgendwann war wieder Ruhe im Haus.

Tante Kyra
Tante Kyra in ihrem früheren Garten

Und dann ist was ganz Schlimmes passiert. Ich besuchte eines Morgens die Chefin an ihrem Bett um sie aufzuwecken, und da hat sie plötzlich genau so gerochen wie die Chefinmutter als sie krank wurde. Mir fuhr der Schreck in alle Glieder. Ich versuchte ihr klar zu machen, sie solle zum Arzt gehen oder ins Krankenhaus, aber ich glaube, sie hat mich nicht verstanden. Allerdings ist ja der Boss selber Arzt und vielleicht wusste der ja schon Bescheid. In der Tat, sie haben schon Bescheid gewusst. Nur mir hatten sie nichts gesagt, und einige Tage später musste die Chefin wirklich ins Krankenhaus. Sie war ganz traurig als sie ging, drückte mich ganz fest und sagte, sie würde schon wieder zurückkommen, doch es klang nicht sehr überzeugend. Zu dieser Zeit bin ich jeden Tag mit dem Boss in die Praxis gegangen. Dort hab ich ihm bei der Arbeit zugeschaut und hab einiges aus der Medizin gelernt. Die meiste Zeit habe ich aber auf die Rückkehr der Chefin gewartet. Der Boss sah gar nicht gut aus in diesen Tagen. Er war immer traurig und gestresst. Nachts saß er am Computer und druckte endlos viele Zettel mit wissenschaftlichen Artikeln über die Krankheit der Chefin aus. Ich hab die Chefin des öfteren im Krankenhaus besucht, und sie kam jedes Mal ins Parkhaus zum Auto, in dem ich wartete. Aber sie sah noch immer sehr krank aus und roch auch so. Um es kurz zu machen, die Chefin kam zurück, aber es hat lange gedauert.

Wie habe ich mich gefreut, als die Chefin dann eines mittags tatsächlich wieder zurück nach Hause kam. Ich hoffte, dass nun wirklich wieder alles so wie früher werden würde und es nicht so wie bei der Chefinmutter abliefe, doch merkte ich bald, dass es auch bei der Chefin noch immer Probleme gab. Die Chefin musste regelmäßig fort ins Krankenhaus, blieb dort ein paar Tage, dann kam sie wieder, sehr bleich und ganz ungesund riechend. So ging es den ganzen Frühling und Sommer über. Eines Tages nahm sie mich auf die Seite, der Boss war bei der Arbeit in seiner Praxis, und erklärte mir, dass wir bald eine sehr, sehr weite Reise machen würden. Für sie würde es die letzte Reise werden, und ich würde bald ein ganz anderes Leben führen. Ich konnte mir kaum etwas darunter vorstellen, aber ich hatte schon gemerkt, dass sich irgendetwas Seltsames tat. Chefin und Boss hatten nämlich den alten gelben Wohnbus verkauft und dafür den weißen Bus, den ihr ja alle kennt gekauft und bastelten nun oft darin herum. Außerdem brachten sie den uralten Anhänger wieder auf Vordermann, alles Zeichen großer Veränderungen“.

Lara und ich hörten gebannt Kyras Erzählung zu und selbst Onkel Ari lauschte mit Tränen in den Augen. Die Geschichte war wirklich recht traurig bisher. Kyra machte eine Pause und wischte sich die feuchte Nase mit einer Pfote sauber. Dann erzählte sie weiter:

„Eines Tages gingen wir hinüber in die Praxis. Die Leute, die dort arbeiteten und die ich schon lange kannte, waren alle ganz aufgeregt. Und dann schenkten sie der Chefin und dem Boss eine ganze Menge Sachen und umarmten sie. Ich wusste wieder nicht, was das alles zu bedeuten hatte, aber ich spürte wieder etwas Großes und Aufregendes bahnte sich an. Und tatsächlich, von diesem Tag an ging der Boss nicht mehr in seine Praxis zur Arbeit. Dafür wurde der Bus vollgepackt mit vielen Dingen, die ich zum Teil noch nie gesehen hatte. Damals sah ich zum ersten Mal die Tauchausrüstungen und den Kompressor, die vorher immer in der Garage standen und mir nie so richtig aufgefallen waren. Und Lebensmittel und Futter packten die ein, tagelang, bis jede Ecke im Bus aufgefüllt war. Dann an einem Morgen kamen der Bruder vom Boss, der auch in der Praxis arbeitete, seine Kinder und seine Frau und die dicke Sheila, eine übergewichtige Golden Retriever-Hündin zu uns ins Haus. Chefin und Boss gaben ihnen die Schlüssel von unserem Haus. Man muss sich das mal vorstellen. Es war ja auch mein Haus, und nun gaben sie die Schlüssel denen mit der dicken Sheila. Aber ich hab nicht mal protestiert, denn ich war ganz durcheinander, weil die Chefin ja gesagt hatte, wir würden eine große Reise machen. Die Menschen umarmten sich und heulten ein bisschen. Ich wackelte verlegen mit meinem Schwanz. Schließlich stiegen wir drei in den Bus, und der Boss fuhr los auf unsere große, weite Reise“.

Wieder machte Kyra eine Pause als würde sie in Gedanken alles noch einmal erleben. Sie hatte ein paar Tränen in den Augen und schaute verlegen in den Himmel. „Hoffentlich kommen die Chefin und der Boss bald mit unseren Gästen. Wenn ich an diese Zeit damals zurück denke, bekomme ich fast Angst, die könnten uns irgendwann ganz alleine lassen“. „Ach, wir wären doch auch ohne die Menschen eine große Familie, wir vier und die drei Meerschweinchen“, meinte Lara. „Und etwas zum Essen und für die Meerschweinchen ein paar Knochen könnten Ari und du sicher auftreiben“.

„So einfach ist es nicht“, sagte Kyra und streckte sich um weiter zu erzählen. „Erstens fressen die Meerschweinchen keine Knochen, zweitens sind wir hier nur sicher, solange Chefin und Boss da sind. Ohne die würden wir von anderen Menschen erbarmungslos verjagt werden von hier. Ich hab mal einen Hund getroffen, dem ist es so gegangen. Ich hab ihn in Piräus am Hafen getroffen. Er hatte in einem schönen Haus gelebt und dann war seine Chefin gestorben. Die neuen Menschen, die ins Haus zogen, haben ihn einfach hinausgeprügelt. Nicht alle Menschen sind gleich gut, das solltet ihr doch wissen“. „Stimmt“, sagte ich zu Lara. „Denk bloß an die alte Hexe und den Mann, der uns damals in die große Schwärze gesteckt hat. Hoffentlich kommen Chefin und Boss bald!“ Ich war inzwischen doch ein wenig beunruhigt. Aber Kyra fing wieder an zu erzählen. Die Geschichte war so spannend, dass ich alles um mich herum vergaß.

„Wir fuhren sehr lange. Obwohl es noch früh im Herbst war, so lag doch schon Schnee in dem Land Österreich, das wir zuerst besuchten. Wir übernachteten dort auf einem schneebedeckten Platz. Ich weiß noch genau, zum Abendessen gab es Lachssteaks mit Dillsahnesoße und grünen Nudeln. Ich bekam meine eigene Portion, das war was Tolles. Wisst ihr, früher als ich noch diese Neurodermitis hatte, kochte meine Chefin immer Reis und Lamm oder Kaninchen für mich oder auch mal Pferdefleisch, was ich schon gar nicht mochte. Ganz widerlich war das Lamm-Reis-Fertigfutter, knochenharte kleine Kügelchen, die fast nach nichts schmeckten. Doch als die Chefin dann krank war, hatte der Boss gar keine Zeit mehr für dieses Extrakochen von Lamm und Reis und hat mir einfach immer eine Portion von seinem Essen mitgemacht, und siehe da, meine Neurodermitis und meine Akne verschwanden von ganz alleine. Da setzte der Boss all meine Medikamente ab, und mir ging's blendend. Das Essen schmeckte mir hervorragend, und mir taten auch die Gelenke längst nicht mehr so weh wie unter der Kaninchen-Lamm-Reis-Kost. Ich bekam zwar Zahnstein von dem guten Essen, aber egal, lieber lasse ich mir einmal im Monat den Zahnstein entfernten als weiterhin Lamm-Reis-Diät zu essen. OK, inzwischen esse ich schon gerne mal wieder Lamm mit Reis oder gar Kaninchen, aber glaubt mir, immer dasselbe Essen, das hängt einem bald zum Halse heraus. Also an diesem Abend gab's Lachs, Chefin und Boss tranken eine Flasche Wein. Und es wurde ein gemütlicher Abend im warm geheizten Bus.

Am anderen Tag fuhren wir nach Venedig, zuerst durch die schneebedeckten Berge, dann schnell über die italienischen Autobahnen. In Venedig blieben wir für zwei Tage auf einem Campingplatz, der Antonio gehörte, einem alten, heruntergekommenen Mastiff, der, hätte er nicht soviel gesabbert, ganz nett gewesen wäre“. Ari warf einen forschenden Blick auf Kyra, legte dann aber seinen Kopf wieder auf die Vorderpfoten und lauschte weiter.

„Wir haben uns ein wenig Venedig angeschaut. Also für Hunde ist das nichts, da gibt's nur wenig Wege. Man muss immer wieder auf ein Schiff um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Außerdem ist es ein extrem gefährliches Pflaster. Ich hab da einen kleinen Hund kennen gelernt, weiß gar nicht mehr, was das für eine Rasse war, dem ist jedenfalls ganz übel mitgespielt worden. Als ich ihn traf, war er noch ganz mit Binden eingewickelt und konnte nur auf einem Auge sehen und muss arge Schmerzen gehabt haben. Er hat mir von einem Überfall auf seinen Bus berichtet, bei dem sein Partner so schwer verletzt wurde, dass er schließlich starb und bei dem all sein Hab und Gut gestohlen wurde. Sein Boss und seine Chefin waren ganz verzweifelt, denn sie wollten eigentlich mit uns am nächsten Tag mit dem Schiff nach Orangenland fahren. Aber weil sie nun nichts mehr hatten und dauernd zur Polizei mussten, sind sie wohl wieder zurück nach Kaltland gefahren, jedenfalls waren sie am nächsten Tag nicht auf dem Schiff.

Von Venedig nach Patras in Orangenland dauert die Schiffsreise etwas länger als von Ancona aus, und das Schiff war auch nicht so toll, wie der Luxusliner, von dem Onkel Ari erzählt hat. Zwei Tage später waren wir dennoch in Orangenland. Wir sind gleich weiter nach Piräus gefahren. Dort wartete ein anderes Schiff auf uns, mit dem ging's nach Haifa wie in Onkel Aris Geschichte. Na ja, und schließlich kamen wir dann nach Dahab in die Wüste. Da war ich nun zum ersten Mal dort, wo meine beiden Menschen schon früher so oft gewesen waren, nur dass sie früher immer mit dem Flugzeug reisten. Es war ganz schön schwer, sich an das Klima, die Hitze und den Wind zu gewöhnen. Vor allem der Wind hat mir sehr zugesetzt. Mir tränten dauernd die Augen, und ich glaube, dass ich davon noch heute einen Schaden hab. Ich habe damals nämlich noch nicht gewusst, dass es besser ist, im Wüstenwind immer ein bisschen die Augen zuzukneifen. Ich hab auch ein wenig Arabisch gelernt in der Zeit, aber nicht viel. Meist waren wir ohnehin irgendwo beim Tauchen, und da war's schwer eine Fremdsprache zu lernen. Der Chefin schien es viel besser zu gehen, Ahamdullilah (das war arabisch), denn sie schleppte das schwere Tauchzeug jeden Tag zweimal ins Wasser. Und dann kam Weihnachten. Chris und Mike, zwei Menschenfreunde aus Kaltland besuchten uns. Wir fuhren zum ersten Mal richtig in die Wüste. Mir hat es gefallen, aber der Chefin ging's nicht so gut. Sie wurde immer dicker, und während sie früher wie eine Gams von einem Stein auf den anderen gesprungen ist, schleppte sie sich nun recht mühsam voran und musste oft vom Boss gestützt werden. Dennoch schien es ihr viel Spaß zu machen in der Wüste herumzulaufen. Doch dann eines Tages als unsere Gäste aus Kaltland wieder fort waren, sagte sie zu mir, dass sie bald sterben würde und ich dann mit dem Boss alleine weiterleben müsste. Ich musste ihr versprechen immer brav zu sein und nicht fort zu rennen, sondern immer beim Boss zu bleiben. Bald danach konnte die Chefin gar nicht mehr aufstehen, lag nur noch Tag und Nacht im Bett, und als ich eines morgens nach ihr schaute, merkte ich, das sie am Sterben war wie damals die Chefinmutter, und der Boss saß mit verheulten Gesicht daneben. Ja, und dann war's vorbei. Wir haben die Chefin in Dahab begraben. Ich bin oft an ihrem Grab gewesen. Ja, das war eine ganz schwere Zeit damals. Dem Boss ging's gar nicht gut für viele Wochen. Er hat mich zwar gut versorgt, und ich bin immer bei ihm geblieben, so wie ich es der Chefin versprochen hatte, aber mein Leben war traurig geworden. Es hat sich auch lange Zeit nichts an unserer Depression geändert, selbst nicht, als wir nach einigen Monaten nach Orangenland fuhren um dort ein Haus zu besichtigen, das zum Kauf angeboten wurde. Auch als wir zurück in Kaltland waren ging's uns beiden nicht besser. Da ging's uns sogar noch schlechter!

In Kaltland lebten wir eine Weile in einer anderen Stadt, in einer ziemlich großen. Sie heißt München. Dort gibt's zwar viele Hunde, von denen ich bald einige näher kennen lernte, weil wir jeden Tag an der Isar spazieren gingen. Ich hab mit den Hunden auf der Isarwiese gespielt, doch wohl fühlte ich mich nicht. Mir fehlte meine Chefin. Glücklicherweise unternahmen Boss und ich viel. So waren wir etwas abgelenkt. Wir fuhren in die Berge und wanderten dort. Meist nur wir beide, ganz gemütlich und nicht zu weit. Doch wir wussten, wir brauchten wieder ein Zuhause, und das konnte nicht mehr in Kaltland sein. Darum entschloss der Boss sich, natürlich nicht ohne vorher mit mir Rücksprache gehalten zu haben, das Häuschen in Orangenland zu kaufen, das wir uns auf der Rückfahrt aus der Sinai angeschaut hatten. Bald darauf sind wir daher wieder nach Orangenland gefahren, haben das Haus tatsächlich gekauft und sind dann wieder zurück nach Kaltland um einen Teil der Sachen vom Boss zu holen. Danach verbrachten wir den ersten Sommer in Orangenland in unserem neuen Haus. Es war heiß wie auf der Sinai, ganz anders als in Kaltland. Doch uns beiden gefiel das Leben plötzlich wieder. Der Boss ließ ins Haus extra eine Klimaanlage einbauen, um uns ein wenig Kühlung zu verschaffen. Ansonsten lebten wir so wie wir jetzt auch leben. So gegen 11 Uhr fuhren wir immer mit dem Roller in ein kleines Café. Ihr kennt ja inzwischen das Baum-Café. Dort hat der Boss immer einen Kaffee getrunken und Zeitung gelesen. Ich unterhielt mich meist mit dem dicken Kioskhund. Den kennt ihr aber nicht, denn er ist im darauf folgenden Winter gestorben. Und so wurde es Herbst. Ich hatte es bereits vermutet, kaum wurde es etwas kühler draußen, fuhren wir wieder auf die Sinai. Manchmal bring ich's schon ganz durcheinander, so oft ging es hin und her. Jedenfalls waren wir den ganzen nachfolgenden Winter wieder auf der Sinai, und ich bin mit dem Boss unzählige Male in der Wüste gewesen. Meist hatten wir unser spezielles Kamel, mit dem wir herumzogen. Manchmal waren wir auch beim Tauchen, und da waren andere Menschen aus Kaltland, die ich zum Teil schon kannte, und die immer nett zu mir waren.

Also, da fällt mir noch so ein Erlebnis aus der Wüste ein, das ich euch erzählen sollte: Einmal waren wir ziemlich lange geritten und erst sehr spät an einem Nachtplatz angekommen. Der Boss und einer seiner Beduinenfreunde hatten versucht einen Ziegenbraten für uns alle zu kaufen. Doch so sehr sie sich auch bemühten, nirgendwo verkaufte man ihnen eine Ziege. Deshalb gab's was anderes zu essen, allerdings erst recht spät abends. Nachdem wir uns noch eine Weile am Feuer gewärmt hatten, sind alle Leute, auch die Beduinen und der Boss und ich zum Schlafen gegangen. Weil es so arg kalt war, hat der Boss für mich eine Burg aus Decken und Teppichen gebaut, so dass ich ein wunderschön bequemes Nest neben ihm hatte. Nun, alle schliefen ganz fest, und alles war ganz still. Da hörte ich mehr im Schlaf als im Wachsein ein ganz merkwürdiges, leises Klimpern. Gleichzeitig rieche ich fremden Kamel- und Beduinengeruch. Ich dachte sofort an einen Überfall, denn in einer Wüstennacht weiß man ja nie so recht, was passieren kann. Wütend knurrend und alle aufweckend sprang ich aus meiner Teppichhöhle heraus auf den fremden Geruch zu. Und tatsächlich, in dem ganz schwachen Glimmen der Restglut des Feuers erkannte ich zwei fremde Beduinen, die mit einem großen Sack herangeschlichen waren. Doch als ich auf sie zusprang, ist der eine so erschrocken, dass er rückwärts in die Glut fiel. Der andere sprang mit dem Sack laut schreiend davon in die Wüste. Natürlich war jetzt sofort das ganze Lager wach. Der Boss strahlte den auf der Feuerglut liegenden und jammernden Beduinen mit seiner starken Lampe an, und alle anderen liefen mit ihren Lichtern ganz aufgeregt hin und her. Glücklicherweise hat sich alles als etwas ganz Harmloses herausgestellt. Die beiden Beduinen hatten nämlich eine kleine Ziege in dem Sack und wollten sie uns verkaufen, weil sie gehört hatten, dass wir Ziegenbraten gesucht hatten. So sind sie eben die Beduinen. Nur nun mitten in der Nacht wollte keiner von uns mehr Ziege. Ich meine, wenn einer sie gut gebraten hätte, ich glaube, mir hätte sie schon geschmeckt. Jedenfalls hat sich der eine Beduine ganz schön den Hintern verbrannt. Er hat ihn sich noch eine ganze Zeit mit der Hand gerieben. Und der andere Beduine hat unseren Beduinen erzählt, er habe geglaubt, der Teufel persönlich sei aus der Erde herausgesprungen und wollte ihn holen, und damit hat er mich gemeint. Das hat mir natürlich der Boss übersetzt, weil mein Arabisch nicht so gut ist.

Irgendwann, ich glaub es war im Frühjahr 2000, wollte der Boss dann wieder zurück nach Orangenland, obwohl es uns auf der Sinai gut ging. Wegen der Orangen sagte er, aber ich glaube, er ist seit dem Tod der Chefin nirgendwo mehr so richtig zuhause und muss immer wie ein Zigeuner von einem Ort zum anderen ziehen. Auf der Überfahrt von Israel nach der Insel Zypern hatten wir einen heftigen Sturm, und ich fürchtete schon, das Schiff könnte untergehen, und wir würden schwimmen müssen. Wir haben es aber überlebt und verbrachten den Frühling in Orangenland, ernteten die Orangen und ließen unser orangenländisches Leben wieder aufleben. Ein paar Wochen später wollte der Boss die letzten Sachen aus Kaltland abholen. Wieder hatten wir einen Sturm auf der Überfahrt von Patras nach Ancona, aber auch diesmal ist uns nichts passiert. Zum Glück bin ich seefest und wurde nicht wie Onkel Ari auf seiner ersten Rückreise von aus Israel seekrank. Also Kaltland war im Jahr 2000 ziemlich blöd, noch schlimmer als im Jahr zuvor. Wir sind nur herumgereist, haben ständig andere Leute besucht. Der Boss hatte kaum Zeit zum Kochen, und ich war so richtig froh, als wir schon nach zwei Wochen zurück nach Orangenland in unser stilles, kleines Häuschen fuhren. Dort haben wir dann den Sommer verbracht, sind jeden Tag mit dem Motorroller zum Baden ans Meer gefahren oder in den Nachbarort zu unseren Freunden Gilles und Maria zum Essen. Die beiden haben ein ganz gutes Restaurant. Der Boss hat aber auch oft für uns beide gekocht und abends sind wir meist oben im Dachzimmer gesessen. Er hat ein Glas Wein getrunken, ich hab meist an einem Knochen genagt, den er mir vom Metzger besorgt hatte. Es waren schöne, stille Tage. Zwar war der Sommer sehr heiß, aber der Boss hatte am Haus inzwischen neue Türen und Fenster mit guten Moskitogittern anbringen lassen. Deshalb konnten wir nachts die Fenster offen lassen, so dass es drinnen erträglich war. Dank der Klimaanlage war es außerdem möglich, in der heißesten Zeit des Tages ein Schläfchen im Haus zu halten.

Anfang August, ich weiß es noch ganz genau, weil wir so viele Trauben in unserem Garten hatten, sagte mir der Boss, dass es nun wieder an der Zeit sei auf die Sinai zu fahren um das Grab von der Chefin zu besuchen. Ich freute mich auf die Sinai, und es wurde eine schöne Zeit dort mit Erlebnissen, die unser Leben nochmals verändern sollten. Wir besuchten alle unsere geheimen Tauchplätze und alle Beduinenfreunde. Auch kamen wieder Gäste aus Kaltland, mit denen wir zusammen in die Wüste ritten. Es waren ein paar richtig gute Trips. Doch diesmal blieben wir nicht den ganzen Winter auf der Sinai. Auf dieser Reise trafen wir nämlich die jetzige Chefin. Ich konnte sie sofort gut leiden. Sie mich auch. Und der Boss konnte sie auch gut leiden, und sie ihn auch. Ich hatte sofort den Verdacht, sie könnte die neue Chefin werden. Und ich hatte recht mit meiner Vermutung. Die neue Chefin blieb bei uns und seither wohnten wir zusammen. Doch die neue Chefin wollte im Winter unbedingt nach Kaltland fahren, weil eine ihrer Omas in der Weihnachtszeit Geburtstag hat. Da hat sie den Boss dazu überredet, früher als geplant die Sinai zu verlassen und nach Orangenland zu fahren.

Ich kann mich noch genau an Chefin's ersten Tag im Haus in Orangenland erinnern. Die Chefin hat nämlich furchtbare Angst vor Spinnen, und als der Boss ihr ganz stolz das Haus mit den neuen Fenstern und Türen zeigte, seilte sich von dem Baum vor der Haustür eine richtig fette Spinne ab. Die Chefin wäre schier mit der Spinne zusammengestoßen und hat plötzlich geschrieen wie eine Irre. Der Boss hat eine ganze Weile gebraucht um sie zu beruhigen. Ein anderes Mal, es war ein paar Monate später nachdem wir längst wieder aus Kaltland zurück waren, rief uns die Chefin ganz aufgeregt zu sich. Ich dachte schon, irgendetwas sei passiert und bin ganz schnell mit dem Boss zu ihr gelaufen. Da stand sie vor einem Orangenbaum, auf dem sie den Schuhabstreifer zum Trocknen aufgehängt hatte und stütze sich mit einer Hand so auf den Schuhabstreifer“, dabei stützte sich Kyra demonstrativ mit einer Vorderpfote auf einen alten Lappen, den wir zum Spielen mit auf das Dachzimmer genommen hatten. „Mit der anderen deutete sie auf irgendetwas. Ich schaute genau hin und sah, dass sie auf dem Schuhabstreifer eine recht große Spinne an einem Bein festhielt. So schnell hat die hier ihre Spinnenangst überwunden, ging es mir durch den Kopf, und für einen Moment dachte ich ganz stolz, dass der Boss doch ein wirklich großartiger Psychologe sei, weil er die Chefin in so kurzer Zeit schon von ihrer Spinnenangst beheilt hatte. Doch als die Chefin dann zum Boss sagte: „Schau mal den schönen Gecko an...“, da wurde mit klar, dass hier gleich ein riesiges Geschrei beginnen würde. Dem war auch so, denn der Boss sagte ganz trocken, er würde keinen Gecko sehen, nur die fette Spinne, die sie mit der Hand festhielt. Mein Gott, hat die Chefin anfangen zu kreischen und zu flennen. Die ist schier in Ohnmacht gefallen. Also ich hab mich gut amüsiert. Dennoch hab ich natürlich Verständnis für ihre Angst. Schließlich komme ich aus einem Arzthaushalt, und Spinnenangst muss schon etwas sehr Unangenehmes sein, wenn um einen herum viele Spinnen wohnen“.

„Ich glaube das nicht“, widersprach Lara. „Meine Chefin hat vor nichts Angst, schon gar nicht vor so kleinen Tieren wie Spinnen. Denn die Chefin kann ganz wütend herumbrüllen, wie soll so jemand denn Angst haben?“ Ich nickte ihr beifällig zu, war mir aber nicht so ganz sicher, was ich glauben sollte. „Glaubt was ihr wollt“, sagte Kyra. „So und nicht anders ist es gewesen. Auch brüllende Chefinnen haben vor manchen Dingen Angst, und manchmal ist es ganz gut, dies zu wissen! Wenn ich nämlich nicht will, dass sie mich anrührt, brauchte ich mir – theoretisch natürlich, denn in Wirklichkeit würde ich das ja nie tun - nur eine fette Spinne ins Fell zu setzen, und schon hätte ich meine Ruhe vor ihr. Das habe ich mir oft überlegt, wenn sie mit der blöden Hundehaarbürste ankam!“.